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»Kunst erschafft sich aus dem
Willen zur Kreativität, die in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit das Neue
erschafft.«
In ihrem Interview mit dem freien Journalisten Martin
Hoemberg spricht Eleonora Heine Jundi über ihr persönliches Verhältnis
zum Malen als Schaffensprozess. Wie können sich Ideen und Bild-Kompositionen entfalten,
was sind die Schritte und Voraussetzungen zu ihrer Realisierung?
Welchen Stellenwert hat zum Beispiel die Mal- und Zeichentechnik für Eleonora
Heine-Jundi, und was sagt sie zu Stichworten wie "das Schöne", "das
Positive", "Intuition" oder "Kreativität" - Begriffe,
die oft als Passepartouts benutzt werden. Wie sieht sie ihre Rolle als Künstlerin
in der Gesellschaft?
Auch in diesem Interview erleben wir Heine-Jundi als Frau der klaren und direkten Sprache,
ohne Mystifizierungen oder Geheimniskrämerei um den Künstler, das Malen und
die aktuelle Befindlichkeit der Kunst. Heine-Jundi inszeniert sich nicht. Insider mit
Gespür für Zukunft und Sammler kaufen ihre Kunst.
Kreativität
Martin Hoemberg: Was ist Kreativität? Wie entsteht sie? In einem Ihrer Aphorismen
sprechen Sie vom Willen zur Kreativität. Ist es nicht eine Bestimmung, die ein
Mensch verspürt, eine Art innerer Drang - oder sogar Zwang? Braucht Kreativität
wirklich einen Willen, um etwas zu produzieren?
Eleonora Heine-Jundi: Kreativität produziert nicht. Es geht bei Kreativität
grundsätzlich darum, etwas neu zu schöpfen. Etwas anderes ist es zum Beispiel,
nach Schablonen und Vorlagen zu arbeiten. Das kann durchaus eine Beschäftigung
mit etwas Schönem sein, es ist aber nicht kreativ, denn es entsteht nichts Neues
ohne den Prozess der Verwandlung.
Zu etwas Neuem gehört auch immer ein Schritt in's Risiko, in's Wagnis, ein Stück
Experiment, ein Test: "Kann ich es oder nicht?". Und um mich mit diesen Faktoren
auseinanderzusetzen brauche ich den Willen dazu. Es geht ja darum, eine Idee zu verwirklichen,
und ohne den Willen bleibt es möglicherweise nur bei der Idee oder einem Tagtraum
es zu tun.
MH: Hat Kreativität manchmal etwas mit Kalkül zu tun, mit Berechnung? Ich
will mit der Realisierung meiner Idee dieses oder jenes bewirken, meinen Bekanntheitsgrad
steigern - oder meinen Marktwert, in einem Kunstmagazin erscheinen, oder auch eher
altruistische Absichten wie: Ein öffentliches Denkmal setzen für ein bestimmtes
Anliegen?
EHJ: Mit Sicherheit nicht. Das vorhin erwähnte Arbeiten nach Schablonen - typischerweise
eine Tätigkeit mit Routine - das ist eine Sache von Kalkül, ohne künstlerische
Leidenschaft. Aber schöpferisches Arbeiten kümmert sich per se nicht um den
kommerziellen Erfolg.
Handwerk und Perfektion
MH: Es geht bekanntlich nicht ohne Handwerk, ohne Disziplin. Zurückblickend auf
ein langes Maler-Leben: Wie sind dazu Ihre Erfahrungen?
EHJ: Ich möchte etwas mitteilen, also will ich es als Maler sichtbar machen. Ich
muss wissen, wie. Das kann man als Handwerk bezeichnen. Das Wissen bezieht sich bei
der Malerei auf Farben, Formen und auf die Komposition. Was ich gelernt habe muss mir
sozusagen als stummer Diener ständig zur Seite stehen, darf aber nie den Part
des Dirigenten übernehmen.
MH: Muss das Ergebnis gekonnt und die Technik perfekt sein?
EHJ: Perfektion kann nur bei gleichartiger Wiederholung entstehen. Wenn es nur um Perfektion
geht, hat das Geschaffene - die Kunst - einen Stillstand erreicht.
MH: Was ist Ihr ganz persönliches Verhältnis zu Farben?
EHJ: Farben durchdringen mich gewissermaßen, durch meine Synästhesie: Farben
und Töne ergeben mein Welt-Bild. Nicht das Weltbild, das wir uns aus unseren Dogmen
zimmern, den Dogmen aus Religionen, aus der Politik, sondern das Bild, das uns zum
Beispiel täglich in der Natur geboten wird - und das ist ja nun mal farbig. Viele
Menschen - die Farben sehen können - nehmen sie nicht wahr, sie schauen nicht
richtig hin, differenzieren nicht. Ein wirklicher Maler sollte in der Lage sein, Farben
sehr differenziert einzusetzen. Dazu muss er erst mal lernen sie differenziert zu sehen
- und zu erleben! Farben in der Bandbreite, die einen wirklichen Maler ausmacht gibt
es nicht zu kaufen, er muss sie sich mischen. Auch das gehört zum Handwerk.
Bilder zur Musik
MH: Kommen wir noch mal zurück auf Ihre Synästhesie, also in Ihrem Fall das
verkoppelte Wahrnehmen von Farben und Tönen beziehungsweise Klängen.
EHJ: Mit 17-18 erkannte ich dass es nicht üblich ist, beim Hören von Tönen
Farben zu sehen. Ich habe dann allmählich versucht diese spezielle Fähigkeit
in meine Malerei einzubeziehen - nicht indem ich Motive mit musikalischen Einflüssen
gemalt habe, sondern als eine eigene Disziplin: Malen beim Hören von Musik, Malen
zu Musik.
Ich sollte das erklären: Manch einer putzt seine Schuhe bei Musik, einige Maler
lassen sich vom Musik-Hören inspirieren. Im Unterschied zu dieser Art von Begleit-
oder Nebenbei-Musik male ich direkt zur Musik, synchron, während durch die Klänge
"Farb-Klänge" vor meinem inneren Auge entstehen.
Dieses Sehen von Farben ist wohl auch die Ursache für den Anspruch, den ich an
mich stelle: so weit in die Welt der Farben einzudringen, dass sie mit den Farben in
den Tuben nichts mehr zu tun haben.
MH: Welche Rolle spielen bei Ihnen Skizzen?
EHJ: Skizzen sind eigentlich das höchste Können. Wer das beherrscht kann
alles aussagen, mit nur wenigen Strichen. Skizzen sind nur möglich, wenn Studien
vorausgegangen sind. Die Skizze bringt die Form zum Ausdruck und die Bewegungs-Möglichkeit.
Solche Begriffe werden heute vielfach durcheinander gebracht.
MH: Die Reihenfolge ist also: Idee - Studien - Skizzen…
EHJ: …ja, wenn ich etwas Gegenständliches malen oder andeuten möchte.
MH: Und wenn Sie etwas Abstraktes malen?
EHJ: Ich habe mir angewöhnt vorab auch Skizzen zu machen, aber in Gedanken - nämlich
Bildvorstellungen.
MH: Was ist die Essenz einer Studie? Die Raum-Aufteilung?
EHJ: Eine Studie richtet sich auf ein Detail. Die Raum-Aufteilung ist ein Thema der
Komposition, das ist etwas anderes. Das will gelernt sein, man muss auch ein sehr klares
Gefühl haben für eine Balance. Denn wenn die Balance offensichtlich wird,
ist das Bild schnell langweilig, es wirkt statisch.
Zeichnungen und Hintergründigkeiten
MH: Was ist für Sie das Besondere an einer Zeichnung?
EHJ: Die Zeichnung ist ein Kunstwerk in sich, und seit etwa 300 Jahren auch so akzeptiert.
Zeichnen ist Spurenlese, Linien finden und erfinden, Zeichnung ist Struktur. Ich kann
dabei eine Form übernehmen, die ich sehe - oder neue Formen schaffen.
Ich kann die Form, die ich vor meinen Augen sehe nachvollziehen aber in diese Form
noch eine andere Bewegung hineinbringen. Die kann man nicht sehen, sie ist aber spürbar.
Wenn ich einen Baum male sollte spürbar sein, dass der Wind durch das Blattwerk
geht. Oder dass der Schmetterling nicht immer so still dort sitzt wie ich ihn beobachte,
sondern dass er ja eigentlich ein tanzender Gaukler ist. Und wenn ich beim Betrachten
des gezeichneten Schmetterlings an sein Gaukeln erinnert werde ist es gut. Den Wind
kann ich nicht malen, aber ich kann seine Wirkung im Bild - als eine Momentaufnahme
- spürbar werden lassen.
So ist das bei Gemälden, besonders auch bei der Zeichnung. Ausschliesslich mit
Umriss-Linien kann ich allenfalls etwas "gefangen nehmen" - einen Hund, eine
Stimmung - aber ohne hintergründiges Know How kommen die Motive nicht in Bewegung,
sind leblos.
MH: Im Jazz würde man vielleicht sagen: Man spürt einen ganz speziellen "Swing",
der aber keineswegs dadurch zustande kommt, dass alle Musiker besonders präzise
spielen. Sondern das "Flair" oder der "Swing" entzieht sich eigentlich
der verbalen Beschreibung.
EHJ: Ja - eigentlich. "Uneigentlich" wird er spürbar. Dieses "Uneigentliche"
kann ich in einem Gemälde zum Beispiel durch ein "Vibrieren" von Farben
erreichen, also durch eine Art Bewegung, ein Flirren im Bild. Ich kann aber auch dieses
Element des hintergründigen Sich-Bewegens durch Formen ausdrücken, indem
ich in den Formen etwas Starres konsequent vermeide.
MH: Welchen Stellenwert, welche Bedeutung hat Intuition in diesem Zusammenhang? Welchen
Zusammenhang sehen Sie zwischen Intuition und Malen?
EHJ: Ich habe eine Idee: Dieses oder jenes Motiv zu malen, oder ein bestimmtes Motiv
auf eine bestimmte Art und Weise zu malen. So eine Idee ist der Beginn. Während
ich dann male, bekomme ich vielleicht die Intuition, eine Farbe anders zu gestalten,
als sie sich vor meinen Augen darstellt. Vielleicht bekomme ich auch die Intuition
mein Farb-Konzept zu ändern, weil ich spüre: Wenn ich jetzt die Farbe kräftiger
bringe, oder mehr Rot als Orange, wird mein beabsichtigter Ausdruck besser unterstützt.
MH: Die Intuition ist demnach eine Ressource, die man immer in Bereitschaft halten
sollte…
EHJ: … beim Arbeiten und im Leben!
Künstler und Gesellschaft
MH: Verbreitet ist die Ansicht, der Maler habe eigentlich keine gesellschaftlichen
Aufgaben. Er soll sich auf das Schöne, Erhebende, Wahre konzentrieren. Sie haben
als Malerin vor allem Umwelt-politisch immer wieder Stellung bezogen, Partei ergriffen.
Ist das Teil Ihres Selbst-Verständnis' als Künstlerin?
EHJ: Es ist mein Selbstverständnis als Mensch. Als Künstler sehe ich darin
keine Erfüllung, wenn ich in meinen Motiven die Misere der Welt malen würde.
Warum? Weil ich die Misere fortsetze, indem ich sie male. Es geht mir keineswegs um
süssliche, säuselnde Bilder, sondern ich versuche in einem vertretbaren Rahmen
realistisch zu malen, also die Wirklichkeit durchaus einzubeziehen. Aber die Auseinandersetzung
mit negativen, destruktiven Verhältnissen ist für mich eine Sache des Wortes,
der Sprache, der Stellungnahme - verbal oder geschrieben.
MH: Kommen wir zu den Bäumen. Sie sind wichtigster Bestandteil Ihrer gegenständlichen
Motive, und sie sind ein grosses Umwelt-Thema: Wälder abholzen in den Tropen/Urwäldern,
Baumkrankheiten und Baumsterben in Europa, verursacht durch Sauren Regen und Belastung
der Luft. Da haben Sie sich als bekannteste Baum-Malerin auch zu Wort gemeldet.
EHJ: Hier und da habe ich kranke und sterbende Bäume auch gemalt, bin aber nicht
in's Unästhetische abgerutscht.
MH: Sie haben sterbende Bäume als angenehm zu betrachtendes Bild dargestellt?
EHJ: Als "gut" - im Sinne des Wahren und Schönen, ja, aber nicht unästhetisch.
Es gibt von mir in diesem Zusammenhang die Serie "Das Leiden der Bäume".
Die Bilder bieten einen ästhetischen Anblick - aber mit dem Ausdruck des Leidens,
und lassen den Schmerz nachempfinden, weil ein Baum so zerbrochen ist. Manche Bilder
haben Gesichter, in denen der Schmerz zu sehen ist. Den Schmerz darzustellen entwürdigt
niemals - weder den Menschen, auch nicht den Baum.-
---Der Text steht zur freien Verwendung zur Verfügung.---
www.heine-jundi.de
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